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Was das Pferd mit der Maus zu tun hat – Trauma und Immobilität

Was das Pferd mit der Maus zu tun hat – Trauma und Immobilität

Trauma, ein Begriff, der mich seit einiger Zeit begleitet. Was ist Trauma? Wie passiert Trauma? Was macht Trauma mit dem Körper? Und wie kommt das Tier oder auch der Mensch aus dem Trauma wieder heraus?

Trauma entsteht dann, wenn ein Erlebnis schnell und heftig auf ein Lebewesen einwirkt. Es wird psychisch erschüttert.

Gerät ein Tier in Gefahr, hat es drei Möglichkeiten zu reagieren. Zwei sind mittlerweile sehr bekannt. Fight or flight. Das heißt, das Tier kann vor Gefahr fliehen. Ist ihm die Flucht nicht möglich, so bleibt ihm der Kampf um sich zu retten.

Sind Kampf wie Flucht verwehrt, bzw. ist der Kampf hoffnungslos, weil der Gegner deutlich überlegen ist, so bleibt dem Tier die dritte Möglichkeit – die Starre.

Die Starre ist eine sogenannte „tonische Immobilität“. Das heißt, das Tier ist aus Angst wie gelähmt und bricht letztendlich überwältigt von der Hilflosigkeit zusammen.

 

Häufig sehen wir das, wenn die Katze eine Maus fängt. Die Maus erschlafft und liegt regungslos am Boden. Mit etwas Glück verliert die Katze das Interesse an der Maus, da sie sich nicht mehr bewegt. Ist die Katze weg, erwacht die Maus aus ihrer Starre und läuft davon. Es handelt sich also um einen Mechanismus, der ihr Leben retten kann.

Wird die Maus dennoch gefressen, so sorgt dieser Mechanismus dafür, dass Endorphine im Körper ausgeschüttet werden. Diese bewirken, dass der Bewusstseinszustand des Tieres betäubt ist und starken Schmerz nicht fühlen kann.

 

Dieses Zusammenbrechen, das Gefühl der Vernichtung und der Verlust des Lebenswillens bilden den Kern tiefer Traumen.“ Quelle: (Sprache ohne Worte – Peter A. Levine)

 

Diesen Zustand, der das Erlebte erträglich macht und dafür sorgt, sich von seinen eigenen Gefühlen abzuschneiden und weiter funktionieren zu können nennt man Dissoziation. In der Reiterei begegnet uns die Dissoziation mit dem Begriff „erlernte Hilflosigkeit“.

Die Tiere leben nicht mehr im Hier und jetzt. Sie nehmen ihre Umwelt und Gegenwart nicht mehr bewusst wahr, da sie sich von ihren Empfindungen abgeschnitten haben um das Erlebte zu ertragen. Vom Menschen wissen wir, es entsteht Depression, Betäubtheit und die Lebensfreude ist enorm eingeschränkt. Der Mensch /das Tier funktioniert nur noch. Man denke an dieser Stelle an die vielen Stereotypien wie Koppen und Weben.

Wie viele Pferde lassen alles über sich ergehen, weil sie gelernt haben zu funktionieren? In vielen Situationen haben wir unseren Pferden die Flucht genommen und ihm beigebracht, resigniert Dinge über sich ergehen zu lassen.

Nehmen wir uns einmal die Zeit und gehen auf unsere Pferde zu. Verbringen wir einfach nur Zeit mit ihnen und fühlen, wie es ihnen geht. Nehmen wir wahr, was ist. Schnell merken wir, es sind viel mehr Pferde traurig, resigniert, uninteressiert, zurückgezogen, als zunächst gedacht.

 

Die Liste der Traumata, die auf unsere Pferde einprasselt ist lang:

  • Eine schwere Geburt
  • Das Absetzen des Fohlens nach nur 6 Monaten
  • Halftern und Anbinden – die Flucht wird unterbunden
  • Der erste Transport ins neue zu Hause.
  • Die Kastration des Hengstes

 

All das prasselt auf die jungen Tiere bereits ein, ohne dass es in unseren Augen schlecht behandelt wurde oder ein Unfall vorliegt. Und im Laufe seines Lebens werden es viele mehr.

 

Traumata in Kombination mit intensiver Angst führen in die Dissoziation.

 

Können die negativen Gefühle wie Angst und Schrecken in Verbindung mit Immobilität nicht überwunden werden, so beginnt eine Abwärtsspirale. Trauma hinterlässt Spuren im Körper. Und später wenn ein Pferd „plötzlich“ lahm geht, das Pferd Kotwasser hat, oder ein Lungenproblem entwickelt, kann oft nicht nachvollzogen werden, woher die Probleme auf einmal kommen. Dass die Probleme auf Grund eines nicht verarbeiteten Traumas auftreten können, daran denkt niemand.

 

Das Problem:

 

Das heißt, unsere Aufgabe ist es, die Pferde in die Mobilität zu bringen und sie darin zu bestärken, ihre Energie ausleben zu dürfen. Das macht den Umgang mit unseren Pferden nicht immer leicht und spätestens hier wird klar, wie angenehm es doch ist, wenn die Tiere brav ihren Job machen. Sei es als Dressur-, Spring- oder Westernpferd. Das Problem liegt nicht nur in einer Sparte der Reiterei. Es erstreckt sich über die ganze Pferdeszene.

Die Krux an der Sache, wir wollen umgängliche „brave“ Pferde, aber Immobilität macht krank. Sie nimmt dem Pferd die Möglichkeit, sich gesund zu bewegen, sie verschleißt. Seien es die Muskeln oder die Faszien. Das Hormonsystem, die Verdauung oder der Atmungsapparat. Sie leiden unter der Dissoziation. Ist das der Preis, den wir bezahlen wollen? Ein dissoziiertes krankes Pferd, damit es unseren Bedürfnissen gerecht wird? Und bitte, ich sage nicht, dass jedes Pferd, das auf Turnier vorgestellt wird, zutiefst traumatisiert ist. Trauma hängt immer mit Angst zusammen. Entscheidend ist die Art und Weise, wie die Pferde an ihre Aufgaben herangeführt werden.

 

Die Lösung:

 

Peter A. Levine sagt:“… dass der eigentliche Schlüssel zur Auflösung eines Traumas darin besteht, Angst und Immobilität entkoppeln zu können.“

 

Problem erkannt, Problem gebannt? Noch nicht ganz. Aber es gibt einen Weg aus dem Trauma

 

Trauma lässt sich aus dem Körper wieder lösen. Die Feedbackschleife muss unterbrochen werden. Dies muss sehr sanft passieren um das Tier nicht zu retraumatisieren. Weiteren Versuchen zur Flucht und sich zur Wehr zu setzen muss zunächst stattgegeben werden. Werden die Reaktionen der Tiere in diesem sensiblen Moment, in dem gespeichertes Trauma aus dem Körper mobilisiert wird, unterbunden, so kommt es unter Umständen zu einer Retraumatisierung. Deshalb ist die Erziehung des Pferdes bei einem richtigen Trauma nicht das Mittel der Wahl.

Es ist zu vergleichen mit einer Spinnenphobie. Ein Mensch der darunter leidet, kann seine Angst nicht abschalten wenn er beruhigt wird mit den Worten: „Die tut dir nichts.“

Genauso verhält es sich mit hoch traumatisierten Pferden, die sich in bestimmten Situationen völlig irrational verhalten. Ihr Gehirn meldet absolute Gefahr und das Tier versucht sein Leben zu retten. Sie werden in diesem Moment von ihren Gefühlen überwältigt.

 

Es ist an uns, unsere Tiere ernst zu nehmen. Wir müssen beginnen, sie zu fühlen. Ganz behutsam führen wir sie an ihre Gefühle heran. Dabei ist es unabdingbar, dass sie sich äußern und bewegen dürfen.

Wird das Pferd in diesem Moment unterstützt seine Erregung auszuleben, so kann sich das Trauma aus dem Körper lösen. Es muss nicht immer halsbrecherische Flucht sein. Solche Bewegungen können sich in unterschiedlichstem Ausmaß zeigen. Angefangen vom Zucken der Unterlippe, nervösem Scharren, bis hin zu Schlagen und Wegrennen.

Ist das Trauma aus dem Körper gelöst, so können viele körperliche Probleme verschwinden. Das Tier hat wieder mehr Energie, es ist interessiert an seiner Umwelt und reagiert „normal“ auf seine Umgebung. Es lebt im Hier und Jetzt.